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Chefredakteur erklärt Redakteuren verständliche Sprache

Chefredakteur erklärt Redakteuren verständliche Sprache

Veröffentlicht am 28.01.2017

Der Autor und Journalist Uwe Kopf erteilte 1990 als Chefredakteur der Zeitschrift »Tempo« seinen Redakteuren mit diesem Rundschreiben eine Lektion in lesbarer Sprache.

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

da ich künftig verstärkt Manuskripte redigieren werde, sage ich Euch vorab, wie ich an Texte herangehe.

  1. Einen Text in der Ich-Form akzeptiere ich nur in Ausnahmefällen. Wenn Otmar seine Erlebnisse einer Koranschule der Ich-Form schildert, dann ist das zwingend. Wer meint, sich als Autor in Porträts oder Rezensionen „einbringen“ zu müssen, der nimmt sich zu wichtig.
  2. In neun zehn von zehn Fällen ist die Aktivform der Passivkonstruktion überlegen. „Das dritte Tor wurde von Seeler geschossen“ ist schlecht. „Uwe Seeler schoß das dritte Tor“ ist besser.
  3. Wer ständig das Wort „man“ benutzt, ist entweder feige, schlampig oder ahnungslos. In neun von zehn Fällen sollte, nein, muß der Autor das „man“ durch ein Subjekt ersetzen.
  4. Bitte, bitte keine Superlative mehr! „Die häßlichste Band“, „die grandioseste Platte“, „die besten Menschen“ – ich kann es nicht ertragen.
  5. Bitte, bitte keine Rockschreibe oder sonstigen Fachjargons! Wenn ein Musikkritiker von „Acts“, „Frontmännern“ oder „sägenden Gitarren“ plappert, dann gehört er genauso gehauen wie der Filmkritiker, der von „atmosphärischer Dichte“ oder „cineastischer Umsetzung“ labert.
  6. Der Mensch wird nicht dadurch zum Filmkritiker, daß er einen Film nacherzählt. Das kann meine Mutter auch.
  7. Nichts spricht gegen lange Sätze, sofern sie solide gebaut sind. Gegen kurze Sätze oder gelegentlichen Telegrammstil spricht auch nichts. Der Leser mag's gemischt.
  8. Ein Autor sollte seine Texte aufs Skelett reduzieren und jedes überflüssige Wort weglassen. Das gilt besonders für Adjektive. Oft will der Autor nur eine Zeile füllen, Bildung vortäuschen oder Originalität erzwingen. Dann gebraucht er beispielsweise eines der folgenden abgelutschten oder verblasenen Wörter:
  • Mitnichten, profan, trotz, Fan-Gemeinde, tanzbar, Ami-Land, Gefilde, Gemüter, Mastermind, Schreiberling, dankenswerterweise, archaisch, mutieren, freilich, goutieren, subtil, respektive, nölen, zweifelsohne, schnöde, permanent, schlechthin, vielschichtig, subversiv, rührig, sic!, spätpubertär, Berufsjugendlicher, dröge, fleischgeworden, Klientel. durchaus, Kultstar (Kultfilm, Kultfigur usw), schlechterdings, Inkarnation, im Grunde, eigentlich.

Dieser und ähnlicher Wortschrott wird aus dem Kulturteil von TEMPO verschwinden.

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